Graz / St. Pölten / Wien – Gibt es einen Widerspruch zwischen ökologischem Bauen und der Verwendung von Kunststoff-Fenstern aus PVC? Dieser Frage stellten sich Wissenschafter, Interessenvertreter sowie Praktiker aus der Wirtschaft bei einem Symposium, zu dem der ÖAKF nach Graz (22.3.) und St. Pölten (23.3) geladen hatte.
Die beiden Energiekrisen der 70-er Jahre brachten nicht bloß den autofreien Tag und die Einführung der Sommerzeit. Die Notwendigkeit, möglichst rasch möglichst viel Energie zu sparen, führte damals – als besonders schnell zu realisierende, weil kostengünstige Maßnahme – zum flächendeckenden Einbau von Kunststoff-Fenstern.
Heute ähnelt die Situation jener vor 40 Jahren: Wie damals können Kunststoff-Fenster zur Einsparung von Energie und CO2 und somit zur Erreichung der Kyoto-Ziele beitragen. Sehen Sie dazu die Vorträge (Doppelklick auf Namen der Vortragenden):
Univ.-Prof. DI Dr. Peter Maydl Alles Öko? Bauprodukte und ihre Bewertung in der künftigen europäischen Normung
Dr. Dietmar Loidl
40 Jahre Kunststoff-Fenster: Eine Branche revolutioniert sich selbst Rückblicke und Ausblicke
Dipl.-Ing. Mag. Harald Pilz
Kunststoffprodukte im Baubereich Zahlen und Fakten zur Nachhaltigkeit
Walter Ebner
Verwertung von Altfenstern Logistik, Technologie und Kosten
Univ.-Doz. DI Dr. Andreas Windsperger
Studien-Preview: „PVC heute“ Nachhaltigkeitsrelevante Änderungen der Werkstoff-Daten
Dr. Ernst-Josef Spindler
Nachhaltig Bauen und Sanieren mit Kunststoff-Fenstern Ökonomisch/ökologische Optimierung am Praxisbeispiel eines österr. Wohnbauträgers
Dass eine ungünstige ökologische Bewertung von Kunststoff-Fenstern keineswegs mehr zeitgemäß ist, zeigte sich in allen Vorträgen des Symposiums:
In seinem Eingangs-Statement wies Klaus-Albert Hartmuth, Obmann des ÖAKF, auf die wirtschaftliche Bedeutung der Branche hin. Kunststoff-Fenster haben in Österreich einen Marktanteil von weit über 55 % erreicht. Doch nicht bloß das fertige Produkt, auch Österreichs Anlagenbauer haben im Sog des Erfolges der Kunststoff-Fenster Weltgeltung am Sektor Profil-Extrusion erlangt.
Univ.-Prof. Dr. Peter Maydl (TU Graz) ist sowohl national wie auf EU-Ebene bei den Themen „Nachhaltigkeit“ und „Umweltbezogene Bauanforderungen“ engagiert. Als Vorsitzender in vielen internationalen Gremien bot er eine Vorschau auf zu erwartende Regelungen. Nicht Ge- und Verbote sollen in der EU ökologisches Bauen erzwingen, vielmehr erwartet man sich eine Selbstregulierung des Marktes bereits durch die gesetzlich erforderliche Offenlegung der ökologischen Daten und Fakten.
Dr. Dietmar Loidl, Leiter des OFI – Österr. Forschungsinstitut für Chemie und Technik – selbst Wissenschafter und Gutachter, zeigte, wie die Branche sich in den vergangenen 40 Jahren technologisch und ökologisch quasi selbst revolutioniert hat. Aus seiner Gutachter-Tätigkeit sei ihm bekannt, wie fest verwurzelt manche Irrtümer selbst bei Firmen und Fachleuten sind. So muss er immer noch darauf hinweisen, dass in Fensterprofilen aus Hart-PVC keine Weichmacher enthalten sind, und dass österreichische Profile seit den späten 90er Jahren schwermetallfrei (also ohne Cadmium oder Blei) stabilisiert sind.
Studienautor Dipl.-Ing. Mag. Harald Pilz, Denkstatt GmbH, zeigte, dass Kunststoffe – obwohl sie meist aus Erdöl gewonnen werden (PVC allerdings bloß zu 43 %, der überwiegende Teil stammt aus Steinsalz) – dennoch Rohöl sparen helfen. Die Gebrauchseigenschaften der Produkte (Gewichtsreduktion, Wärmedämmung, Langlebigkeit, etc.) sparen um Größenordnungen mehr ein, als der Primäreinsatz an Ressourcen ausmacht. Die für manche Zuhörer erstaunliche Schlussfolgerung: viele Kunststoffe sind als Investition in mehr Ökologie zu sehen, denn der ökologische Nutzen ist wesentlich höher als der Ressourceneinsatz.
Das für die Sinne wohl eindrücklichste Erlebnis des Symposiums vermittelte Walter Ebner, Gründer und Geschäftsführer der Henndorfer Fa. Reststofftechnik GmbH. Nicht zu Unrecht kürzlich mit dem Salzburger Innovationspreis für seine PVC-Recycling-Anlage ausgezeichnet, brachte Ebner 18 Proben aus seiner eigens entwickelten Verwertungsanlage mit: Vom groben Schrott der Hammermühle, wo Alt-Fenster inklusive Beschlägen, Dichtungen und Stahlarmierung als ganzes zermahlen werden bis hin zu den farbsortierten Teilchen und zum PVC-Pulver war jeder Schritt der Verwertung mit Materialproben belegt.
Univ.-Doz. Dr. Andreas Windsperger, Leiter des Instituts für Industrielle Ökologie in an der NÖ Landesakademie in St. Pölten, gab einen Überblick über Fragestellungen und Struktur seiner neuesten Studie „PVC heute“. Die Ergebnisse werden im Mai im Wirtschaftsministerium vorgestellt. Jetzt schon ist klar, dass die Immissionen der Grundstoffindustrie in den letzten 15 Jahren teilweise um 3 Zehnerpotenzen – also auf Prozent oder Promille der früheren Werte – reduziert wurden. Im Bereich von langlebigem Hart-PVC, Fensterprofile enthalten keine Weichmacher – sind heute keine ökologischen Probleme mehr auszunehmen, vor allem weil hierzulande längstens schwermetallfrei stabilisiert wird und das Recycling für jedermann überprüfbar in industriellem Maßstab funktioniert.
Den abschließenden Vortrag lieferte Dr. Ernst-Josef Spindler, Umweltbeauftragter eines großen PVC-Herstellers. Seine Botschaft: Preisgünstige Produkte (wie eben Kunststoff-Fenster) machen Mittel frei, mit denen große Umweltgewinne erzielt werden können. Der ökonomische Preisvorteil des ökologisch neutralen, preislich deutlich günstigeren Kunststoff-Profils bringt vielfachen ökologischen Nutzen, wenn dafür in bessere Scheiben, bessere Dämmung oder generell in ökologisch sinnvolle Bereiche investiert wird.
Podiumsdiskussion zum Abschluss
Unter der Leitung von Journalisten diskutierten Wohnbaureferenten der Bundesländer, Öko-Experten der Donau-Uni in Krems bzw. des ifz (Interdisziplinäres Forschungszentrum) in Graz mit Wohnbauträgern und technischen Fachleuten über die Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Symposiums.
Gemeinsame Erkenntnis: Langlebiges Hart-PVC für Fenster (ohne Weichmacher, ohne Schwermetall-Zusätze, bei offensichtlich funktionierendem Recycling) ist ökologisch neutral. Die Grundaussage der EU Lebenszyklus-Analyse von 2004 („Life Cycle Assessment of PVC and of principal competing materials“), wonach „…keines der Materialien generelle (sehr wohl aber individuelle) Vorteile in den einzelnen Umweltauswirkungen besitzt“ wurde bei dieser Veranstaltung eindrucksvoll bestätigt.
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